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Fernsehen als Herausforderung

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Fernsehen als permanente Herausforderung

Fernsehen als Kursinhalt, macht das Sinn? Eine spannende Fragestellung. Die „Marler Gruppe“ als fernsehkritische Arbeitsgemeinschaft stellt sich seit über 28 Jahren dieser Herausforderung. Der leitende Grundgedanke ist seit den Anfängen gleichgeblieben: permanente Auseinandersetzung mit dem laufenden Fernsehprogramm, hinterfragen von Sendeformen, kritisches Auseinandersetzen mit Programmentwicklungen, auch unter dem Blickwinkel der Konkurrenz zwischen den öffentlich-rechtlichen Anstalten und den kommerziellen Sendern.
Die Wurzeln für die Auseinandersetzung mit Medien in der Erwachsenenbildung beginnen kurz nach dem Start der Volkshochschule Marl. Vom 16.-30.Juni ‘46 fand die vielbeachtete „Vier-Zonen-Presseschau“ statt. Im Winter 48/49 stellte eine Arbeitsgemeinschaft die Frage:“Ist der Stadtsender Marl eine Utopie?“ Ab 1951 archivierten die „Insulaner“ Vorträge, kommunale Ereignisse und Aktuelles und schufen das Tonarchiv. Vorausschauend befaßte sich die Volkshochschule Marl schon 1954 auf einer Tagung mit dem Thema „Das Fernsehen und die Volkshochschule“. Radiowerkstatt und Filmclub stehen gleichfalls für das frühe, weitsichtige Medienkonzept. Der Leitgedanke war, neue technische Entwicklungen und deren Möglichkeiten kritisch zu begleiten und für die Erwachsenenbildung zu nutzen.
Bert Donnepp erkannte recht schnell die Chancen und die Notwendigkeit für die Volkshochschule, die sich abzeichnenden Entwicklungen der elektronischen Medien in den Kursbetrieb aufzunehmen und zu nutzen. Es galt, den steigenden Einfluß der Medien auf die Menschen zu hinterfragen und den sinnvollen Umgang mit den Medien zu erlernen. Die prägende Wirkung der neuen Medien auf Ansichten, Meinungen, Vorurteile, Wünsche und ihre demokratiefördernde Komponente, wurde den medieninteressierten Kursteilnehmern „schmackhaft“ gemacht. Schon die Semesterprogramme der 50ziger Jahre weisen eine Vielzahl interessanter Kurse und Seminare aus, in denen Film, Rundfunk und später das Fernsehen zur Diskussion anregten. Die noch jungen elektronischen Medien nicht unreflektiert konsumieren, sondern sich mit ihnen kritisch auseinandersetzen, bestimmten den „roten Faden“ dieser Kurse. Dies geschah durch Diskussion über sie, zu denen hochkarätige Referenten eingeladen wurden. Ein besonderer Reiz ging davon aus, bekannten Journalisten zuzuhören oder einem Reporter, den man aus dem Rundfunk oder dem jungen Fernsehen kannte, Fragen zu stellen. Das Interesse an den Medien war groß. - Dieser weitsichtige Leitgedanke hat auch heute Gültigkeit und bestimmt die Semesterarbeit der „Marler Gruppe“.
„Kursinhalt Fernsehen“ fand in den 60ziger Jahren an vielen Volkshochschulen Niederschlag in Form von Fernsehbeobachtungsgruppen. In Marl entwickelte sich ein Arbeitskreis mit einer „ein-Marl-igen“ Verknüpfung, die „Marler Gruppe“. Auf Initiative von Bert Donnepp schuf 1963 der DVV (Deutsche Volkshochschulverband) den Adolf-Grimme-Preis. Es lag für Donnepp nahe, dieses medienpolitische Neuland auch den interessierten Kursteilnehmern in Marl zu erschließen. Diese gemeinsame Wurzel ist das Bindeglied zwischen dem Adolf-Grimme-Preis und der fernsehkritischen „Marler Gruppe“.
Die Etablierung des DVV-Fernsehpreises in Marl regte die Bildung eines Arbeitskreis interessierter Bürgerinnen und Bürger an, sich mit den Wettbewerbsbeiträgen auseinanderzusetzen. Der Grundstein für die „Marler Gruppe“ wurde 1968, beim 5.Adolf-Grimme-Preis, gelegt. Die Resonanz war beachtlich, die Gruppe wuchs und stellte sehr schnell einen repräsentativen Querschnitt der Marler Bevölkerung dar. Bergarbeiter, Mitarbeiter der Chemischen Werke Hüls, Hausfrauen, Studenten, Oberstufenschüler, Rentner, Sekretärinnen, Postangestellte und Mitarbeiter der Verwaltung setzten sich mit dem täglichen Fernsehprogramm auseinander.
Die Qualität der kontinuierlichen Kursarbeit erhielt eine bemerkenswerte Bestätigung durch die Einbindung der „Marler Gruppe“ als Zuschauerjury beim Adolf-Grimme-Preis. Als „Jury des gesunden Menschenverstandes“ empfand Kurt Meissner die Gruppe, als sie 1969 zum ersten Mal während des Preises tätig wurde, (in Volkshochschule im Westen 3/81). Von ‘69 an sind wir ein Bestandteil des Wettbewerbs, mit der Möglichkeit, unser Votum bei der Preisverleihung öffentlich bekanntzugeben. Mit dieser Teilnahme am jährlichen Wettbewerb schuf Bert Donnepp eine weitere, ganz wesentliche Plattform für die Medienarbeit in der „insel“. Er führte die Konsumenten (die „Marler Gruppe“), die Produzenten und die professionellen Fernsehkritiker zusammen und regte zum Dialog an. Bei vielen Wettbewerben, die anfänglich noch im Rathaus durchgeführt wurden, verstand sich die „Marler Gruppe“ nicht nur als Laienjury. Wir nutzten jede freie Minute, um mit den anwesenden Gästen über ihre Beiträge zu diskutieren. Ein konstruktiver Dialog, der mit dazu beitrug, das die „Offiziellen“ der „Marler Gruppe“ Kompetenz und Aussagekraft zusprachen. Die Beteiligten profitierten von diesen Kontakten, wenn auch anfängliche „Berührungsängste“ interessanterweise eher bei den Profis festzustellen waren. Informationen von Regisseuren, Kameramännern oder Verantwortlichen der Sender leuchteten das Umfeld der gesehenen Beiträge aus und vertieften unser Wissen über Produktionsprozesse, Schwierigkeiten, Einflußnahmen von außen, Dramaturgie und Bildsprache. - Die Produzenten erhielten in den Diskussionen mit der „Marler Gruppe“ ein direktes, fundiertes Feedback zu ihren Beiträgen aus Sicht der Zuschauer. Eine gegenseitig befruchtende Rückkopplung, wie sie bei keinem anderen, bedeutenden nationalen Fernsehwettbewerb stattfand. - Viele dieser Kontakte hielten über lange Zeit, stellvertretend dafür stehen die Grimme-Preisträger Heinrich Breloer, Marlene Linke, Klaus Bednarz, Horst Königstein, Hans-Dieter Grabe und der in diesem Jahr besonders geehrte Heinz Ungureit vom ZDF.
Mit dem wachsenden Programmangebot der ARD und des ZDF hin zum Vollprogramm Ende der 60ziger Jahre, bekam die Befassung mit dem Fernsehen und mit seiner Wirkung auf die Menschen eine neue Dimension. In den Programmen bildeten sich Sparten heraus, wie z.B. Magazine, Reportagen, Fernsehspiele. Die Sender begannen, nach „Zielgruppen“ zu differenzieren. Es gab die Kochkurse mit Clemens Wilmenrot, die „Reporter der Windrose“, die „Mumins“ der Augsburger Puppenkiste, Tanzkurse, den „Blauen Bock“, die Shows mit C. Valente und P. Frankenfeld. Für jeden etwas, war die Devise. In den monatlichen Kurstreffen der „Marler Gruppe“ erarbeiteten wir ein Kurskonzept, um mit dieser Entwicklung Schritt halten zu können. Es galt, nicht mehr nur einzelne Sendungen auf ihre Qualität, ihre Aussage und ihre Machart zu prüfen, sondern Programmsparten „abzuklopfen“, Tendenzen zu hinterfragen und die suggestiven Gefahren des Massenmediums herauszuarbeiten. Zentraler Dreh- und Angelpunkt für diese, so ausgerichtete Kursarbeit war die jährliche Suche nach Fernsehqualität, war - und ist - der Adolf-Grimme-Preis.
Interessanterweise ließ Ende der 70ziger Jahre die regelmäßige Teilnahme an den Kurstreffen nach und ging einher mit der „Sättigung“ der bundesdeutschen Haushalte mit Fernsehgeräten. Das Besondere wich dem Gewohnten. Fernsehen gehörte zum Alltag. Die permanente Auseinandersetzung mit den Fernsehprogrammen und mit den Programmentwicklungen reduzierte sich spürbar. Das Fernsehen hatte endgültig und umfassend Einzug in die Bequemlichkeit der deutschen Wohnzimmer gefunden. Der Reiz des Neuen wich dem alltäglichen Konsum und damit veränderten sich auch die Sehgewohnheiten und der reflektierende Umfang mit dem Fernsehen. Die vormals repräsentative Zusammensetzung der Gruppe veränderte sich hin zu einem „harten Kern von Interessierten“. „Fernsehen als Kursinhalt“ war nicht mehr interessant für den Normalbürger. Für die „Marler Gruppe“ eine erneute Herausforderung.
Schulung zum bewußten Umgang und zur gezielten Nutzung des Fernsehens bestimmten nun den Kursinhalt. Der ausufernden Programmflut setzten wir die überlegte Auswahl entgegen, gegründet auf selbsterarbeiteten Kriterien. Verstärktes Hinterfragen von Programmsparten und Tendenzen der täglichen Berichterstattung schärften den Blick für die Gefahren der manipulierenden Wirkung der „elektronischen Realität“. - Mit der Aufnahme des Sendebetriebes der ersten kommerziellen Sender erhielt die Arbeit der „Marler Gruppe“ einen erneuten, substantiellen Anstoß. Wir verfolgten mit wachsender Besorgnis den Run nach Einschaltquoten und die gnadenlose Verflachung der Programme. Es lag auf der Hand, vergleichende Betrachtungen der Programme der öffentlich-rechtlichen und der kommerziellen Sender vorzunehmen. Die ganze Bandbreite der massenwirksamen Programmsparten stand zur Disposition. Das umfaßte den direkten Vergleich von Nachrichtensendungen, bis hin zu den Jugend- und Kindersendungen, mit ihren unterschiedlichen Macharten, Inhalten und der zeitlichen Plazierung. Parallel dazu liefen Kontakte zu den Sendern, um vertiefende Informationen abzufragen. - Wesentliche Ergebnisse dieser Kursarbeiten faßten wir in Berichten oder Stellungnahmen zu den Sparten „Unterhaltung“, „Dokumentation“ und „Kinder- und Jugendprogrammen“ zusammen. - In den letzten Semestern legten wir verstärkt Wert auf eine teilnehmerorientierte Kursarbeit. Bis zu 26 Fernsehprogramme können in Marl über das Breitbandkabel empfangen werden. Aber längst nicht alle Haushalte verfügen über solch einen Anschluß und ein Satelitenempfänger ist noch Luxus. Die Teilnehmer der „Marler Gruppe“ unterscheiden sich mittlerweile in Nutzer von vielen Programmen und Nutzer mit 3 - 6 Programmen. Die gemeinsame Gesprächsbasis Fernsehen verliert ihre soziale Bindekraft in der ausufernden Vielheit der Programme. Eine systematische Programmbeobachtung ist für die „Marler Gruppe“ nicht mehr leistbar. Die Kursteilnehmer stellen daher in den monatlichen Zusammenkünften „ihre“ gesehenen Beiträge vor, oder weisen auf neue Programme oder „Ausrutscher“ hin. Vieles bleibt aber dem Zufall überlassen. Kristallisieren sich in den Diskussionen Ansatzpunkte für eine intensivere Befassung mit einem Beitrag oder einer neuen Präsentationsform heraus, stellt der Kursleiter sein Semesterprogramm für die „Marler Gruppe“ entsprechend um.
„Fernsehen als Kursinhalt“ unterliegt den gesellschaftlichen Nutzungsänderungen des Fernsehens durch die Konsumenten. Die rasant steigende Vielfalt der Sender, kabelgebunden, terrestrisch, oder über Satellit, überfrachtet die „zweidimensionale, elektronische Realität“ mit einer unüberschaubaren Programmfülle. Die „Marler Gruppe“, als „insel-Institution“ für Medienarbeit in der Erwachsenenbildung, stellt sich dieser Programmflut. Gezielte Programmauswahl, der spartenweise Qualitätsvergleich und die Entwicklung von zeitgemäßen Präsentationsformen sind für uns Einteilungen auf der selbsterarbeiteten Maßlatte. Nicht mehr das Forschen nach dem Außergewöhnlichen, sondern das Beobachten des Alltäglichen bestimmt unsere Kursarbeit. Fernsehen ist selbstverständlicher Teil unseres Lebens geworden.
Jugendliche, Fernsehen und die lohnende Auseinandersetzung mit den Programmen ist eine neue Herausforderung für die „insel“, die „Marler Gruppe“ und das Adolf-Grimme-Institut. Ein vielversprechender Weg ist der seit zwei Jahren erfolgreich praktizierte Versuch, die „Marler Gruppe“ während des Adolf-Grimme-Preises mit Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufen II zu ergänzen. Durch ihre Teilnahme vermitteln wir den jungen Nutzern ein Stück Medienkompetenz. Dabei schwingt die Hoffnung mit, das die „Idee der frühen „insel“-Jahre“ - die permanente Auseinandersetzung mit Medien, besonders mit dem Fernsehen - die überlegte Medienauswahl und -nutzung der Jugendlichen fördert. An mehreren Marler Gymnasien verstärken sich die Medienaktivitäten. Die „Marler Gruppe“ konnte zur Verankerung in den Lehrplan einen kleinen Beitrag leisten. 
 
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