Referat: Marl kinderlos?! - Homepage Jochen Stelzer

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Referat: Marl kinderlos?!

Archiv > 2005
Referat
DPWV-Veranstaltung zu Betreuungsangeboten für Kinder bis zum Einschulungsalter     

Erziehungsberechtigte stehen heute vor der schwer zu lösenden Frage, wie sie Erwerbstätigkeit und Erziehung verantwortungsvoll organisieren können. Kinder dürfen dabei kein Armutsrisiko sein. Die Tätigkeiten in Familie und Beruf müssen für Frauen und Männer miteinander vereinbar sein können. Das erfordert sowohl eine zeitliche Entzerrung der traditionellen Lebens- und Berufesbiographien als auch eine kindgerechte und Kinder fördernde Infrastruktur. Nach wie vor sind Kinder, besonders Kinder im Vorschulalter, ein Erschwernis bei der Arbeitssuche. Das jeweils passende, individuell notwendige Betreuungsangebot, ist schwer oder kaum zu finden oder entspricht nicht immer den Anforderungen der Berufsbiographie. Mit recht fordern Betroffene Veränderungen im Betreuungsangebot für Kinder bis zum Einschulungsalter. Ihre Forderungen und ihre Kritik richten die Betroffenen vorrangig an die "Dienstleister", das sind bundesweit prozentual nach Trägern aufgeteilt: Kommune: 37 Prozent; Kirchen: 23 Prozent; Wohlfahrtsverbände: 19 Prozent; Unternehmen: 2 Prozent; Privat/Sonstige: 19 Prozent.

Seit PISA ist die Kinderbetreuung im Vorschulbereich in den Blickpunkt öffentlicher Diskussion gerückt. Dabei geht es um die Frage einer angemessenen Bildung und Erziehung für Kinder unter sechs Jahren. Denn bisher wurde diese intensive Lernzeit vor dem sechsten Lebensjahr in Deutschland viel zu wenig genutzt. Statt einer gezielten Förderung frühkindlicher Kompetenzen erfahren Kinder im Kindergarten in vielen Fällen eine Betreuung, die sich nicht genügend an den Lebenslagen und Realitäten der Kinder und Familien ausrichtet. Der „Zweite Weltbericht Bildung für alle“ der UNESCO hat die Defizite deutscher Kinderbetreuungsinstitutionen zusammengefasst: Da es in Deutschland keine geregelte Vorschulbildung gibt, wirkt sich dies nachhaltig vor allem für Kinder aus sozialen Problemlagen und mit Migrationshintergrund aus. Der Besuch des Kindergartens ist in Deutschland keineswegs so selbstverständlich wie in anderen europäischen Ländern. Nur 53 Prozent der Dreijährigen und 78 Prozent der Vierjährigen besuchen einen Kindergarten. Damit liegt Deutschland in der unteren Hälfte im europäischen Vergleich. Bemerkenswert für Deutschland ist die hohe Inanspruchnahme einer Verwandtenbetreuung für alle Altersgruppen in West- und Ostdeutschland. Für etwa ein Drittel der Kinder erfolgt die Betreuung durch Großmütter. Ein weiteres Kriterium für den geringen Kindergartenbesuch ist der sozioökonomische Hintergrund, der bei den Vorschulkindern eine größere Bedeutung hat als bei den Schulkindern. So nimmt in Westdeutschland die Wahrscheinlichkeit des Besuchs einer Kindertageseinrichtung mit steigendem Einkommen der Eltern zu. In Ostdeutschland trifft dieser Einkommenszusammenhang auf die Inanspruchnahme einer ganztägigen Betreuung zu. Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern weist Deutschland kein einheitliches Bild der Kinderbetreuung auf. Zwar ist die zunehmende Erwerbstätigkeit beider Eltern eine Entwicklung, die in nahezu allen EU-Ländern zu beobachten ist, doch gibt es in den jeweiligen europäischen Gesellschaften unterschiedliche Vorstellungen von Betreuung. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit seinem Angebot weit hinter den meisten anderen Ländern zurück. Zwar hat sich in Deutschland die Situation der Drei- bis Sechsjährigen durch den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz seit seiner Verankerung im KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz) von 1992 verbessert, doch entspricht die Betreuungssituation vor allem im Westen nicht der Nachfrage der Eltern. Die Betreuungsdichte von 78 Prozent in West- und Ostdeutschland ist noch immer von unterschiedlichen Kulturen geprägt. So überwiegen in Westdeutschland mit 83,5 Prozent die Halbtagsangebote, die selbst eine Teilzeitarbeit (überwiegend der Mutter) nicht erlauben; im Osten dagegen sind 70,6 Prozent Ganztagseinrichtungen. Einen ähnlich großen Unterschied gibt es in der Betreuungskultur der Kinder unter drei Jahren. Während im Westen die Betreuung durch die Familie das bestimmende Muster ist und nur 3,6 Prozent der Kinder eine Krippe besuchen, 1,6 Prozent von einer Tagesmutter betreut werden, sind im Osten 14,4 Prozent der Kinder in Kinderkrippen und für fünf Prozent stehen Tagesmütter zur Verfügung.

Fehlende oder unzureichende staatlich geförderte Kinderbetreuung wird in Deutschland u.a. auch durch betriebliches Engagement in Form von Betriebskindergärten ausgeglichen. Mittlerweile haben viele Großbetriebe flexible Angebote der Kinderbetreuung in Kooperation mit anderen Trägern eingerichtet.

Die wenig an den Bedarfen der Eltern ausgerichtete Betreuungskultur – vor allem in Westdeutschland – erschwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die größte Kluft zwischen gelebtem und gewünschtem Lebensmodell besteht bei Frauen mit Kindern unter sechs Jahren, die mit einem vollberufstätigen Partner zusammenleben. Gerade einmal 5,7 Prozent wünschen sich das Hausfrauenmodell, das 52,8 Prozent der Frauen mit Kindern unter sechs Jahren leben.

Eine aktuelle Studie, die die Hans-Böckler-Stiftung veranlaßte, ergab eine zunehmende Unvereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung, die vor allem auf den Trend zu variablen Arbeitszeiten zurückzuführen sei. Einheitslösungen wie 5 Tage Ganztagsbetreuung reichen den 1232 befragten Müttern nicht aus.

Für die Altersgruppe der über 3-jährigen Kinder führte der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz zu einer deutlichen Verbesserung der Angebotssituation. In der Bundesrepublik Deutschland wird aber der bestehende Bedarf an Erziehungs- und Betreuungsmöglichkeiten in Kindertageseinrichtungen für Kinder unter 3-Jahren mit Ausnahme der neuen Länder bei weitem nicht abgedeckt. Für Marl bedeutet das z. B., die in 2004 beschlossene Bedarfsdeckung von 2,4 Prozent auf ca. 5 Prozent bis 2007 heraufzusetzen (Schaffung von 45 neuen Plätzen).

48 Tageseinrichtungen gibt es in Marl, mit 2680 Plätzen. Davon sind 49 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Die Altersgruppe der Zwei- bis Sechsjährigen ist 3163 Kinder stark. Bis 2008 reduziert sich die Zahl auf 2853 Kinder, mit deutlichen Konsequenzen für die Planung. Noch tiefer eingreifende Veränderungspotentiale ergeben sich aus der möglichen frühzeitigen Einschulung ab dem fünften Lebensjahr. In Marl stünden ca. 700 weitere Kindergartenplätze zur Disposition!

Die offene Ganztagsgrundschule wird an 10 Grundschulen, in 20 Gruppen für 534 Kinder angeboten. Weitere 5 Gruppen sollen in 06/07 folgen.

Vor dem Hintergrund des demographischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels und den unterschiedlichen Ergebnisse von international vergleichenden Studien findet gegenwärtig auf allen politischen Ebenen und in der breiten Öffentlichkeit eine intensive Diskussion über die Qualität des Schul-, Bildungswesens und der Betreuungsangebote sowie der notwendigen Konsequenzen statt. In diesem Zusammenhang wird auch die Stärkung der Erziehungsverantwortung der Eltern und das notwendige wechselseitige Zusammenwirken zwischen Eltern und Erziehungs- Bildungs- und Betreuungsinstitutionen angemahnt. Gleichzeitig werden unter familienpolitischen Aspekten die Möglichkeiten diskutiert, die Rahmenbedingungen für eine quantitative Ausweitung des Kinderbetreuungsangebotes und eine inhaltliche Verbesserung der Erziehungs-, Bildungs-, und Betreuungsleistungen institutionalisierter Kinderbetreuung nachhaltig umzugestalten.

Im "Länderbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)" wird dazu festgestellt, dass der Bereich der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in Deutschland viele Stärken und Ressourcen aufweist. Zum einen besitzt Deutschland auf diesem Gebiet eine lange Tradition mit gehaltvollen Konzepten, einschließlich des sozialpädagogischen Ansatzes mit seinem Verständnis von Bildung, Betreuung und Erziehung als untrennbar miteinander verbundenes Merkmale frühkindlicher Förderung. Ferner ist das deutsche System vor allem in den neuen Bundesländern ausgebaut, deren Versorgungslage zu den besten unter den OECD-Ländern zählt.

Somit ist ein solides Fundament für den weiteren Ausbau gegeben, doch bedarf es einer nationalen Planung, um ein System zu entwickeln, dass den Bedürfnissen aller Kinder entspricht, wie auch den Bedürfnissen der Eltern und der deutschen Gesellschaft von heute. Es fehlt der Ausbau eines ausreichenden Versorgungsangebotes für Kinder unter drei Jahren, was dazu führt, dass der berufliche Werdegang von Frauen mit Kindern unterbrochen wird. Der OECD-Länderbericht stellt abschließend fest, dass der Ausbau der Kinderbetreuung in quantitativer und qualitative Hinsicht im nationalen Interesse liegt.

Diese abschließende Aussage belegen auch Daten einer Forsa-Umfrage aus diesem Jahr:

59% der Befragten in der Altersgruppe von 18-29 Jahren stimmen der Aussage zu, dass es zu wenig Betreuungsangebote für unter Dreijährige gibt. (Nach Angaben des statistischen Bundesamtes kamen 2004 auf 100 Kinder in Westdeutschland nur 2,7 Plätze in Kindertageseinrichtungen.)
67% Junger Paare im Alter von 18-29 Jahren wünschen sich längere und flexiblere Öffnungszeiten. (Nach den Ergebnissen des DIHK-Kita-Checks haben nur fünf Prozent der Kitas nach 18:00, nur ein Prozent am Samstag geöffnet. Etwa ein Drittel bietet die individuelle Betreuungszeit an.) - interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass 62 Prozent im Westen und 47 Prozent im Osten diese längeren und flexiblere Öffnungs- und Betreuungszeiten wünschen.
53% in der Altersgruppe der 18-29jährigen wünschen sich Angebote, bei denen Eltern bei der Erziehung unterstützt werden. (Nach Angaben des statistischen Bundesamtes gibt es nur in einer von 100 Kitas systematisch Beratungsangebote für Eltern.)
Bei den Öffnungs- und Betreuungszeiten wurde folgende Mängelliste aus Elternsicht festgestellt: 71 Prozent der berufstätigen Alleinerziehenden meinten, das Öffnungszeiten nicht lange und nicht flexibel genug sind; 65 Prozent der berufstätigen Alleinerziehenden meinten, dass es zu wenig Angebote für Notfälle gibt; 71 Prozent der berufstätigen Alleinerziehenden meinten, dass es zu wenig Ganztagsbetreuungsangebote gibt; und nur 16 Prozent der berufstätig Alleinerziehenden meinten, dass die Angebote alles in allem ihren Bedürfnissen entsprechen.
79% der Befragten halten ein Lokales Bündnis für Familie in der eigenen Stadt oder der Gemeinde für wichtig bzw. sehr wichtig. (Es gibt schon 131 Lokale Bündnisse für Familie. An 277 weiteren Standorten werden Bündnisse vorbereitet. Mehr als 1000 Unternehmen beteiligen sich.)

Auch der DIHK-Kita-Check, der auf einer freiwilligen Teilnahme von 1700 Kitas fußt, kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die Forsa-Umfrage und arbeitet sehr scharf die Schwachstellen der verschiedenen Betreuungsangebote heraus:

Die Öffnungszeiten von Kitas sind bedeutende Stolpersteine bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf: zwar haben gut 70 Prozent der Kitas vor 7,30 Uhr geöffnet, aber nur fünf Prozent nach 18:00 Uhr.
Erwerbstätige Eltern, die Samstags arbeiten, haben so gut wie keine Chance, ihr Kind in einer Kita betreuen zu lassen, da nur gut ein Prozent der Kitas geöffnet hat.
Während der Schulferien haben gut 60 Prozent der Kitas ganz oder teilweise geschlossen. Von diesen bieten lediglich 55 Prozent eine Alternativbetreuung an, so dass nicht wenige Kinder auf private Ausweichlösungen während der Ferien angewiesen sind.
Innerhalb der Öffnungszeiten sind 2/3 der Kitas flexibel, wenn in Ausnahmefällen (z. B. bei Überstunden) das Kind länger bleiben muss.
Individuell vereinbarte Betreuungskontingente bietet nur knapp ein Drittel der Kitas an. Nur jeder zehnte Kita hält Belegplätze für Unternehmen bereit.
Sprachförderung bei Kindern mit Migrationshintergrund ist nicht selbstverständlich - wird aber immerhin von rund der Hälfte der Kita angeboten.

Ein vergleichender Blick bei den Öffnungszeiten auf die unterschiedlichen Träger ist vielsagend: über Mittag Betreuung bieten 89 Prozent der Wohlfahrtsverbände und 100 Prozent der Unternehmen an; Öffnungszeiten am Samstag bieten zwei Prozent der Wohlfahrtsverbände und 6 Prozent der Unternehmen an; Öffnungszeiten in den gesamten Ferienzeiten bieten 83 Prozent der Wohlfahrtsverbände und 100 Prozent der Unternehmen an; Öffnungszeiten vor 7,30 Uhr bieten 83 Prozent der Wohlfahrtsverbände und 100 Prozent der Unternehmen an; Öffnungszeiten nach 18:00 Uhr bieten acht Prozent der Wohlfahrtsverbände und 30 Prozent der Unternehmen an. Diese beiden Träger nehmen die Spitzenplätze im Bereich der flexiblen Öffnungszeiten ein.

Hinterfragt man Betreuungsangebote detailliert, kommt man zu folgendem Ergebnis:

> gemeinsames Essen ist beliebt.

> 69 Prozent aller Kitas bieten ein Frühstück an - die privat getragenen Kitas
sogar noch häufiger (87 Prozent).

Beim Mittagessen gibt es eine noch höhere Quote als beim Frühstück. 82% der Kitas versorgen die Kinder mit Mittagessen. Auch hier ist das Bild nicht einheitlich, denn fast alle Kitas der Wohlfahrtsverbände bieten Mittagessen an und liegen damit deutlich über dem Durchschnitt. Am Ende der Skala liegen die Kitas in kirchlicher Trägerschaft - hier sind es nicht ganz 70 Prozent.

Im bundesweiten Durchschnitt sieht die Lage nicht so gut aus, wie es die positive Auswahl des Kita-Checks nahe legt, denn nur knapp die Hälfte aller Kita-Plätze bietet laut offizieller Statistik ein Mittagessen an. Offensichtlich ist also mehr als die Hälfte aller Kinder Mittags Zuhause, was bedeutet, dass eine Privatperson da sein muss, die kocht beziehungsweise verpflegt. - Nur sehr wenige Kitas bieten Abendessen an, was nicht verwundert, denn es haben kaum Kitas bis abends geöffnet. In insgesamt nur neun Prozent der Kitas wird abends gemeinsam gegessen.

Sprachfähigkeit fördern

Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund kann ihn etwa von der Hälfte aller beteiligten Kitas angeboten werden - in betrieblichen weniger als in Kitas mit kommunaler, kirchlicher und wohlfahrts- Trägerschaft. Man kann davon ausgehen, dass deutlich weniger als die Hälfte der deutschen Kitas sich dieses Integrationsaspekts annimmt.

Individuelle Betreuungszeiten sind rar

Die geforderte Flexibilität macht sich nicht nur an den Öffnungszeiten fest, sondern auch an den individuellen Betreuungsangeboten. Eltern, die zum Beispiel an einzelnen Tagen Vollzeit und dafür an anderen nicht arbeiten, haben in der Regel keine Möglichkeit, die individuelle Betreuungszeit zu vereinbaren und dann entsprechend abzurechnen. Nur etwa 30 Prozent der beteiligten Kitas bieten diese Möglichkeit an - noch schlechter wird die Bundesdurchschnittliche Realität aussehen.

Belegplätze für Unternehmen: mit der Lupe suchen

Belegplätze stellen ein flexibles Instrument familienfreundlicher Personalpolitik dar. Sie können von Unternehmen bei Kitas "gekauft" und bei Bedarf von Mitarbeiterkindern belegt werden. Wenn neunzig Prozent aller befragten Kitas kleinen Belegplätze für Unternehmen anbieten, sind hier noch ungenutzte Potentiale zu erkennen und auszuschöpfen.

Betreuung in Ausnahmefällen möglich

Zwei Drittel aller befragten Kitas bieten Lösungen für den Fall an, dass etwa Überstunden der Eltern anfallen und die Kinder ausnahmsweise länger betreut werden müssen. Die Kitas der Wohlfahrtsverbände liegen mit gut 80 Prozent deutlich über dem Durchschnitt. Natürlich setzen die Öffnungszeiten die Grenzen für die mögliche Flexibilität. Aber immerhin zeigte sich, dass vor Ort der Wille zur bedarfsgerechten Versorgung durchaus vorhanden ist und auch praktiziert wird.

Soviel zum DIHK-Kita-Check.

Die Weiterentwicklung der Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsangebote erfordert zunächst eine genaue Bedarfsanalyse. Als Berechnungsgrundlage kann der Anteil berufstätiger Mütter herangezogen werden, wobei jedoch zu berücksichtigen ist, dass die Erwerbsbereitschaft erheblich vom vorhandenen Angebot bei den Kinderbetreuungsplätzen beeinflusst wird. Zusätzlich müssen weitere Faktoren, wie z. B. die steigende Zahl alleinerziehender Eltern in die Berechnungen miteinbezogen werden. Dieser Bedarf muss aber gerade bei der Tagesgruppe der Kinder unter drei Jahren nicht ausschließlich über Kindereinrichtungen abgedeckt werden. Die überwiegende Mehrheit der Eltern wünscht sich zwar einen Platz in einer Kindertageseinrichtung, die Tagespflege ist jedoch als ergänzendes Angebot zu fördern und zu qualifizieren. - Gleiches kann man auch für die Hortplätze sagen, die im Gesamtkontext der gewünschten Betreuungsangebote nach wie vor von Bedeutung sind. Ihr spezieller Charakter deckt - auch in der Zukunft - eine vorhandene Nachfrage ab. Hortplätze sind daher auch zukünftig vorzuhalten. Wenngleich ein Nebeneinander des derzeitigen Hortsystems neben einem voll ausgebauten Ganztagsschulsystem weder sinnvoll noch finanzierbar ist, werden ergänzende jugendhilferechtliche Angebote zur Abdeckung besonderer individueller Bedarfe notwendig sein.

Die Diskussion über Betreuungsangebote für Kinder bis zum Einschulungsalter darf nicht losgelöst von einer Diskussion über Qualität und über Bildung geführt werden. Mit Recht weisen alle aktuellen Äußerungen der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen darauf hin, dass Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern eine untrennbare Einheit bilden. Die evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen e.V. stellte dazu fest, dass allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft eine fürsorgliche Betreuung, Bildung und Chancengleichheit zu gewähren ist. Ein bedarfsgerechtes, transparentes und qualitativ dauerhaft gesichertes Gesamtsystem ganztägiger Angebote in Deutschland muss ein langfristiges Ziel sei.

Nach dem der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für 3-jährige Kinder bundesweit weitgehend realisiert ist, zielen die Überlegungen auf einen Ausbau der Möglichkeiten zur ganztägigen Erziehung, Bildung und Betreuung. Es ist eine wichtige Zukunftsaufgabe, die Qualität der Elementarbildung zu steigern und eine bessere Qualifizierung anzustreben. Die Chancen der Kinder hängen entscheidend von der Bildung ab, die sie in den ersten Lebensjahren erworben haben. Der Bildungsförderung in den Kindergärten kommt eine wichtige Rolle zu, da Bildungsprozesse nicht nur in der jeweiligen Phase betrachtet sondern hinsichtlich der Anschlussfähigkeit an nachfolgende Phasen beurteilt werden müssen. Dabei darf der Bildungsauftrag nicht in das Belieben der Einrichtungen gestellt werden, sondern die Qualität der Bildung muss zielgenau definiert, umgesetzt und überprüft werden. Der internationale Vergleich macht deutlich, dass in den meisten Ländern, die zum Beispiel bei der Pisa-Studie erfolgreich waren, die Kinder wesentlich früher eingeschult werden als in Deutschland mit durchschnittlich 6,7 Jahren. Dies legt den Schluss nahe, dass die Förderung der 5-jährigen Kinder in einem einheitlichen pädagogischen Konzept unter dem Dach der Schule gute Ergebnisse hervorbringen kann. Eine Senkung des Einschulungsalters könnte durch das vorziehen der Schulpflicht auf das fünfte Lebensjahr verwirklicht werden. Dabei ist generell ein Augenmerk auf die Neugestaltung des Überganges vom Kindergarten zur Schule zu legen. Nach Auffassung des Deutschen Städtetages ist ein bedarfsgerechter Ausbau zumindest der Grundschulen zu Ganztagsschulen gegenüber den derzeit vielfach bestehenden angegliederten Nachmittagsangeboten zu bevorzugen.

Aus dem bisher geführten öffentlichen Diskurs kristallisieren sich daher folgende Forderungen heraus:

• Kinderbetreuung mit Erwerbstätigkeit vereinbaren – Schließzeiten über Mittag sind von den Kommunen generell abzuschaffen, da sie mit den meisten Formen der Erwerbstätigkeit nicht in Einklang zu bringen sind;

• Kinderbetreuung an Erwerbsrealitäten anpassen – Etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet am Wochenende und/oder in Schichtdiensten. Der Gesetzgeber (Land, Kommune, Kreis) muss die Kitas in die Lage versetzen, auf solche Anforderungen reagieren zu können und gegebenenfalls Samstagsöffnung oder späte Öffnungszeiten bei Bedarf anzubieten. Die Arbeits- und Urlaubszeiten dürfen nicht durch die Öffnungszeiten der Kitas diktiert werden. Deswegen müssen flexiblere Öffnungszeiten und Alternativen während längerer Schließzeiten verpflichtend angeboten werden.

• Netzwerke ausbauen – Nicht für jede Situation können einzelne Kitas Lösungen anbieten. Deshalb müssen trägerübergreifende Kooperationen und Netzwerke noch intensiver ausgebaut werden, damit Eltern und Unternehmen mit dem Anpassungsdruck nicht alleine gelassen werden. Dazu gehören auch ergänzende Angebote familiennaher Dienstleistungen wie z. B. Tagespflege, die nicht nur bei fehlenden Belegplätzen, sondern auch in speziellen Konstellationen die Betreuungsinfrastruktur vervollständigen würden.

• Flexibilität ermöglichen – Individuell vereinbarte Betreuungszeiten und Abrechnung müssen Standard werden, damit Kinderbetreuung besonders auch für Teilzeitbeschäftigte passgenau ist und bezahlbar bleibt. Hier sind die Kommunen gefordert, mehr Freiräume einzurichten.

• Kinder auf die Schule vorbereiten – Deutsch muss von allen Kindern fließend gesprochen werden, damit ein erfolgreicher Schulbesuch möglich wird. Deswegen sollte im 5. Lebensjahr ein Kita- bzw. Kindergartenbesuch verpflichtend und für die Eltern kostenfrei sein.

· Bedarfsgerechte Sicherung und Verbesserung von Erziehungs-, Bildungs-, und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder im Alter unter 3 Jahren außerhalb der eigenen Familie;

· verbesserte Versorgung mit Ganztagsplätzen für Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt bzw. bedarfsgerechten Erhalt der vorhandenen Plätze neben der Vollversorgung mit Regelplätzen in Kindertageseinrichtungen;

· Erfüllung des Bildungsauftrages und Qualifizierung des pädagogischen Personals in Kindertagesstätten und Schulen;

· bildungsbezogene Neugestaltung des Übergangs vom Kindergarten zur Schule;

· Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten für Kinder im Schulalter sowie die Integration sportlicher, kultureller, musischer und soziale Angebote in das Bildungsangebot der Schule und der Kindertagesstätten;

· die öffentlich antworteten Kindertagesstätten müssen kostenfrei werden. Die Auslegung der Kindertagesbetreuungsangebote als umfassende Bildungsangebote erfordert grundsätzliche Beitragsfreiheit für die Eltern. Beitragsfreiheit trägt dazu bei, das ökonomische Hürden für die Inanspruchnahme öffentlich verantworteter Kindertagesstätten beseitigt werden und unterstreicht die gesellschaftliche Bedeutung und Wertschätzung früher Bildung für alle Kinder;

· das durchschnittliche Schuleintrittsalter von gegenwärtig über 6,5 Jahren ist abzusenken. Das faktische Einschulungsalter liegt in Deutschland - auch im europäischen Vergleich - zu hoch. Die deutliche Ausweitung des Früherziehungssystems auf jüngere Kinder und eine stärkere Bildungsorientierung der Kindertageseinrichtungen in Verbindung mit einer flexiblen Einschulung legen eine moderate Vorverlegung des Schuleintrittsalters um bis zu sechs Monate nahe;

· kommunale Bildungsplanung ist als integrierte Fachplanung aufzubauen. Erforderlich ist eine kommunale Bildungsplanung, die geeignet ist, die Verengungen und Begrenzungen der Teilsysteme Kinder- und Jugendhilfe sowie Schule zu überwinden und ein Gesamtsystem für Bildung, Betreuung und Erziehung im kommunalen Raum zu entwickeln;

Diese notwendigen, zukunftsweisenden Forderungen reiben sich zu oft mit der desolaten Finanzlage der Kommunen, des Landes und des Bundes. Haushaltssicherungskonzepte und ein enormer Spardruck blockieren eine zukunftsweisende Familienpolitik und die Weiterentwicklung ganztägiger Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen. Diese Situation ist nicht "Gott gewollt und unabänderbar"! Kreativität in der Haushaltsplanung, gepaart mit einem parteiübergreifenden Reformwillen können trotzdem zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Was bei solch einer positiven Konstellation möglich ist, beleuchtet im Anschluss Prof. Dr. Hans-Jürgen Schimke, Bürgermeister der Stadt Laer.



Quellen: - Beschlüsse des Deutschen Städtetages vom Februar 2003
- Zukunftsforum Politik - Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
- Empfehlungen des 12. Kinder- und Jugendberichtes
- Zukunftsfaktor Kinderbetreuung - DIHK-Kita-Check
- Länderbericht der OECD - die Politik der frühkindlichen
Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik
Deutschland
- 7. Familiengericht des Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend
- Forsa-Umfrage März 2005 - Erziehung, Bildung und Betreuung,
Ergebnisse einer repräsentativen Befragung junger Eltern
- Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V.
- Deutscher Gewerkschaftsbund – Strategiepapier "neue Modelle
der Familien Finanzierung"
- evangelische Aktionsgemeinschaft für Familienfragen e.V.
- paritätischer Wohlfahrtsverband DPWV
- aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung
- Stadt Marl - Jugendamt   
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü