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Vom verlorenen Glanz und den ISEK-Chancen

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Vom verlorenen Glanz und den ISEK-Chancen

„Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger.“ Zitat Perikles für das antike Athen

„Früher war Marl eine tolle Stadt. Da war wirklich etwas los, da tat sich was.“ Eine larmoyante Umschreibung des IST-Zustandes, die leider zutrifft. In den „goldenen Jahrzehnten“ Marls entstand eine moderne Stadt, geprägt von tatkräftigen Visionären. Die “veränderte Bürgerschaft“, bunt gemischt durch Alteingesessene, Heimatvertriebene, Kriegsflüchtlinge, Neuzugezogene für den Bergbau und die Chemischen Werke Hüls, lotete schnell neue, unbekannte und vielversprechende Möglichkeiten dieser dynamischen Polis aus. Es wuchs Stolz auf Marl und seine Entwicklung.

In der Bürgerschaft entwickelte sich ein „Wir-Bewusstsein“ und ein „Wir-Gefühl“ entstand. Man fühlte sich zugehörig zu diesem „Melting Pot“, identifizierte sich mit diesem kreativen Lebensraum. Marl bot Lebensräume an, die Entwicklungs- und Identifizierungsmöglichkeiten durch die Bürger bereithielt. Das planerische Gesamtkonzept für Marl, der „Marshallplan“, lautete daher: Lebensräume müssen sowohl individuell als auch kollektiv erfahrbar, teilbar und zusammen lebbar sein. Mit hoher Planungseuphorie, Gestaltungswillen, voller Stadtkasse und vielseitigen Planungsaktivitäten setzten die Verantwortlichen Frauen und Männer die Vision „Stadt-Bau-Kultur“ um. So entstand eine breite Palette von städtischen Glanzlichtern, die jedes für sich und als Gesamtheit für das „Alleinstellungs-merkmal der jungen Stadt im nördlichen Ruhrgebiet“ standen. Marl hatte sich unverwechselbare Identitätsmerkmale geschaffen.

Für dieses „Goldene Zeitalter Marls“ galt daher: Anspruchsvoll gestaltete öffentliche Lebens- und Wohlfühlräume sind Ausdruck einer starken Gesellschaft!
Die neu erschaffene Persönlichkeit Marls kam in sehr verschiedenen Kriterien zum Ausdruck. Diese Stadtidentität bedeutete für das junge Marl im weitesten Sinne kulturelle Einheit, die von der Bürgerschaft akzeptiert und unterstützt wurde. Das Gefühl von „wir sind die Stadt“ wurde zu einem urbanen Lebensgefühl.

Heute ist von dieser Strahlkraft, von der bürgerlichen Akzeptanz der Stadt, von seinen Innovationen und seinen „städtischen Leuchttürmen“ nicht mehr viel übrig geblieben. Wir beschwören die ehemalige Strahlkraft der Stadt, ruhten uns auf dem Erreichten aus und vernachlässigten die konzeptionelle städtische Weiterentwicklung.

ISEK kann ein Einstieg in ein zeitgemäßes, angepasstes und umfassendes Stadt-konzept werden. Eine nicht zu unterschätzende Leistung zeichnet sich schon heute ab. Die Bürgerschaft thematisiert wieder den „öffentlichen Raum“. Verwaltung, Politik, Wirtschaft und alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen interessieren, engagieren sich für die Aufwertung des öffentlichen Raumes.

Die zukunftsweisende Marler Stadtplanung steht im Spannungsfeld der Gleich-zeitigkeit von Globalisierung, von Wachstum und Schrumpfung.
Durch ISEK wurde vielen klarer, dass Marl seiner Bürgerschaft mehr bieten muss, als Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten. Das Wohnen, gepaart mit einem ausgeprägten Heimatgefühl, muss in die Stadtteile und die City zurückfinden. Und wir benötigen Orte der Besinnung, der Kommunikation und der Identifikation. So wächst „Heimat im Quartier“, so entsteht Bürgerstolz.
Mit ISEK haben wir die Chance, dies zielführend anpacken zu können. Aber wir dürfen ISEK nicht zur Stadtreparatur degradieren oder mit überzogenen Erwartungen überfrachten.

Marl hat ein vielfältiges eigenes StadtGedächtnis. Diese Identität prägende Kraft ist zu lange nicht wahrgenommen, nicht genutzt worden. Man vergaß, dass der öffentliche Raum gestärkt wird durch seine Geschichte. (Wo findet man im Stadt-bild Marls Hinweise auf die innovative Architektur des Rathauses, der Scharoun-Schule, der Hügelhäuser oder der alten Insel? Wo gibt es einen Bert-Donnepp-Platz zum Gedächtnis an diesen charismatischen Erwachsenenpädagogen? Das Skulpturenmuseum „Glaskasten“ ist nicht mal mehr als „Aufreger“ im Bürgerbewusstsein, als Anstoßgeber für einen Kulturdialog. Grimme-Institut und der Adolf-Grimme-Preis spielen nur noch bei der Vergabe von städtischen Mitteln und den Theaterkarten für die Preisverleihung eine Rolle.)
Bestandspflege von Gebäuden, Stadtgeschichte, Stadtraum und Stadtgrün tragen zur Identität bei und schafft gewünschte Unterschiede.
Dort, wo bestimmte identitätsstiftende Wurzeln nur noch rudimentär existieren, müssen stabile Lebensqualitäten für die Zukunft neu entwickelt werden. Die Zukunft von Marl wird entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, eigenständige Profile und unverwechselbare Identitäten zu erhalten, zu nutzen und neue zu entwickeln.

Heute rächt sich, dass man bei der Aufstellung von Bebauungsplänen keine Fragen nach der Stadtidentität formulierte. Stadtidentität entsteht nicht durch Vergabe einzelner Grundstücke an Investoren. Investoren ohne Kenntnis der Bedürfnisse des Ortes und mit freier Handhabung über die Bebauung von Grundstücken legen wenig identitätsstiftende Planungen vor. So entstehen austauschbare Welten.
In Zeiten beschleunigter Globalisierung übernimmt die lokale Identität und Heimatbildung die zentrale Rolle. Die vorhandenen Alleinstellungsmerkmale unserer Stadt und der Stadtteile sind wertvolle Zukunftsbausteine der Daseinsvorsorge und müssen erhalten bleiben und gepflegt werden. Mit ISEK und einer permanenten Bürgermitwirkung könnten wir es schaffen.


 
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